Falko Liecke: "Gute Kita-Gesetz" geht nicht weit genug


Falko Liecke (CDU), Bezirksstadtrat Berlin-Neukölln:

"Frühkindliche Bildung beginnt nicht erst in der Kita. Denn im Grunde wissen wir es: Die ersten beiden Lebensjahre eines Kindes sind prägend für dessen gesamtes Leben. In dieser Zeit entwickeln sich die zentralen Grundmuster für soziale Beziehungen. Wer im Säuglingsalter Zuwendung und Sicherheit erfährt, kann sich später sehr viel besser den Herausforderungen des Lebens stellen, leichter Krisen bewältigen und auch selbst Vertrauen zu anderen Menschen entwickeln. Dies macht deutlich, wie wichtig eine rechtzeitige, frühe familiäre Präventionsarbeit – am besten schon in der Schwangerschaft – ist.

Eine frühe Unterstützung der jungen und werdenden Familien bewahrt in den allermeisten Fällen die Kinder vor späteren negativen Entwicklungen.

Als ich Gesundheitsstadtrat für  Neukölln wurde, waren die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen alarmierend: Jedes sechste Kind in Neukölln war übergewichtig oder adipös, jedes Fünfte hatte schlechte, kariöse Zähne und wuchs in einem Raucherhaushalt auf. Zwei Drittel von ihnen waren in ihrer Entwicklung auffällig. Sie konnten beispielsweise visuelle Wahrnehmung und Bewegung schlecht koordinieren oder waren in ihrem sprachlichen Ausdruck auffallend schlecht. Ein Viertel der Mädchen und Jungen hatten bei Schuleintritt die fortlaufenden Untersuchungen zur Vorsorge nur unvollständig besucht.

Mit der Neuköllner Präventionskette – der integrierten kommunalen Strategie – haben wir die Trendumkehr geschafft und sehen heute erste Erfolge. Sogar gegen den Berliner Trend haben Neuköllner Kinder seit 2013 immer seltener Sprachprobleme (41,9%) oder Defizite in der Visuomotorik (23,2%) – das heißt, sie können besser mit einem Stift umgehen und somit leichter Schreiben lernen.

Der Anteil von Kindern mit behandlungsbedürftigem Zahnstatus ist auf knapp 17% gesunken und auch Übergewicht betrifft tendenziell immer weniger Kinder in Neukölln (14,1%). Die seitdem anhaltenden Verbesserungen sind ein großer Gewinn für die Familien in unserem Neukölln – aber wir müssen auch darauf achten, dass alle Bevölkerungsschichten davon profitieren. Förderangebote für Familien müssen allen offen stehen. Eine Stigmatisierung von „Problemfamilien“ lehne ich ab. Mit unserem Neuköllner Familiengutschein, der App „Gesundes Neukölln“, dem Projekt Babylotse, einer eigenen Schreibabyambulanz, einem Kinderschutzteam und unserem Begrüßungspaket haben wir berlin- und bundesweit eine Vorreiterrolle, die wir weiter wahrnehmen werden.

Das von Ihnen erwähnte „Gute-Kita-Gesetz“ ist ein weiterer Baustein. Es ist gut gemeint und wichtig. Aber nicht ausreichend. Denn die Ursache des aktuellen Kitaplatzmangels ist der Fachkräftemangel, der in Berlin durch die zuständige Senatsverwaltung verursacht und durch fatale politische Fehlentscheidungen noch verschärft wurde. Die Absenkung des Betreuungsschlüssels ist grundsätzlich richtig, kam aber zur Unzeit und hat die Kitakrise in Berlin noch einmal so richtig angefacht. Meine Vorschläge für eine gute Kinderbetreuung sind teilweise schmerzhaft aber unbedingt erforderlich, damit alle Familien in Berlin ihren Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz wahrnehmen können:
 

  • Bezahlung

Die Vergütung von Erzieherinnen und Erziehern muss sofort spürbar angehoben werden. Berlin muss dafür kurzfristig Absprachen in der Tarifgemeinschaft der Länder treffen, um mindestens das Brandenburger Niveau zu erreichen.
 

  • Brennpunktzulage

Zusätzlich müssen Fachkräfte in Stadtteilen mit besonders schlechten sozialen Lagen eine Zulage von mindestens 300 Euro monatlich erhalten.
Diese Zulage ist zur Fachkräftegewinnung in diesen Gebieten zwingend erforderlich.
 

  • Betreuungsschlüssel

Die Verringerung des Betreuungsschlüssels ist grundsätzlich richtig und wünschenswert. Sie kommt aber zur Unzeit und befeuert die aktuelle Kitakrise noch mehr. Daher muss die weitere Anpassung des Betreuungsschlüssels ausgesetzt werden. Allein diese Maßnahme kann tausende Kitaplätze schaffen.
 

  • Verwaltungskräfte

Kitaleitungen sind qualifiziertes Fachpersonal, das derzeit zu stark mit Verwaltungsaufgaben belastet ist. Durch die Eistellung von Verwaltungskräften in Kitas können Ressourcen für die pädagogische Arbeit frei gemacht werden, besonders für die Ausbildung und Einarbeitung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern.
 

  • Ausbildungsvergütung

Die Ausbildung zum Erzieherberuf soll anderen Berufsausbildungen gleichgestellt werden, indem eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird.
 

  • Unbürokratische Übernahme privater Betreuungskosten

Zur Übernahme der Betreuungskosten muss die Vorlage des Kitagutscheins beim zuständigen Bezirksamt ausreichend sein."


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